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Österreich
Die wohl spannenste, skurrilste Bestattungskultur
in der neueren Geschichte findet man wohl in Österreich
vor. Hier sei ein Besuch im Wiener Bestattungsmuseum
empfohlen.

Bahrtuch
Bereits
im Mittelalter war es Brauch, den aufgebahrten
Sarg mit einem Bahrtuch zu bedecken. Die Menschen
hatten Angst vor Hexen und Dämonen. Das mit christlichen
Symbolen bestickte Bahrtuch sollte den Verstorbenen
vor dem Zugriff der dunklen Mächte schützen. Die
Adelsfamilien besaßen mitunter eigene, mit bunten
Wappen in feiner Stickarbeit prächtig verzierte
Bahrtücher.
Aber auch Handwerkszünfte und
andere Berufsgemeinschaften verfügten über entsprechende,
oft in Klöstern von den Ordensfrauen gestickte
Bahrtücher. Als die Kommerzialisierung des Bestatter-
gewerbes erfolgte, waren es die Bestattungsunternehmen,
die bei den "k.u.k. privilegierten bürgerlichen
Gold- und Silberstickereibetrieben" Bahrtücher
für ihre Verwendung in Auftrag gaben. Das abgebildete,
aus blauem Samt mit Silberstickerei
und silbernen Fransen gezierte Bahrtuch diente
für die Bestattung von Ledigen. Damit waren jugendliche
Personen beiderlei Geschlechts und unverheiratete
Frauen bis ins hohe Alter gemeint.

Betrachtungssärglein
Das
Betrachtungssärglein, auch "Tischsargl" genannt,
ist etwa 25 Zentimeter lang und stellt ein "Memento
Mori"* der besonderen Art dar. Es sollte seine
Besitzer, die bäuerlichen Menschen des frühen
19. Jahrhunderts, an ihre Vergänglichkeit erinnern.
Die oft mit Wachswürmern und Schlangen schauerlich
verzierten Sargln beinhalten ein geschnitztes
Skelett. Sie dienten der Betrachtung des Todes
und wurden von Leuten erworben, die gerne in stiller
Stunde und Zurückgezogenheit ihres eigenen Sterbens
gedachten. Meist handelte es sich um eine im Südtiroler
Grödnertal hergestellte Schnitzware, aber auch
in Klöstern wurden sogenannte
"Nonnensärglein" gefertigt.
* "Gedenke des Todes"

Kleiner Fourgon
Der
abgebildete "Kleine Fourgon" wurde zwischen 1880
und 1890 von der Hof-Wagenfabrik Schustala & Co
in Nesselsdorf für die renommierte Erste Wiener
Leichenbestattungs-Anstalt "Entreprise des pompes
funèbres" gebaut.
Er war mit zwei sechseckigen Wagenstecklaternen
für Petroleumbeleuchtung, die geätzte und geschliffene
Facettengläser besaßen, ausgestattet. Das Fahrzeug
wurde abhängig von Entfernung beziehungsweise
Straßensteigung von ein oder zwei Pferden gezogen.
Mit dem kleinen, nur einem Sarg Platz bietenden
Fourgon wurden unter anderem auch Transporte von
Krankenanstalten zum Wiener Zentralfriedhof durchgeführt,
für die dem oben genannten Unternehmen vom Wiener
Magistrat in einem Übereinkommen eine bevorzugte
Stellung eingeräumt worden war.
Anlässlich der im Jahre 1907 erfolgten Gründung
der Städtischen Leichenbestattung
wurden mehrere solche Fahrzeuge von den beidenVorgängerbetrieben
übernommen und blieben bis zur Umstellung auf
Automobilbetrieb - im Jahre 1922 - in Gebrauch.

Josephinischer Gemeindesarg
(im Volksmund als "Klappsarg"
bezeichnet)
Der
große Reformator, Kaiser Joseph II., erließ im
Jahre 1784 eine neue Begräbnisordnung, in der
unter anderem vorgeschrieben war, dass die Verstorbenen
nun mehr ohne Kleider in Säcke zu nähen seien.
Das Begräbnis selbst sollte ohne Sarg durchgeführt
werden.
Die Absicht des Kaisers war, vor allem Holz einzusparen.
Zudem sollten auch die schönen Kleider, die man
üblicherweise den Toten anzog, stattdessen den
Lebenden von Nutzen sein. Vor allem aber wollte
Joseph Il. mit dieser Maßnahme die Hygiene fördern
und bewirken, dass die Leichen rascher in Verwesung
übergehen und somit die Gräber in kürzerer Folge
wiederzubelegen seien.
Während die überwiegende Zahl der Pfarrgemeinden
in Reaktion auf das Dekret für die Trauerfeier
herkömmliche Holzsärge verwendete - der in den
Sack gehüllte Tote wurde beim offenen Grab aus
dem Sarg gehoben - beschafften sich andere Pfarren
Särge mit einem Mechanismus, der es ermöglichte,
die Bodenbretter aufzuklappen, wodurch der Verstorbene
etwas unsanft zur letzten Ruhe gebettet wurde.
Der Bevölkerung aber gefiel
diese und andere Vorschreibungen des Monarchen
in keiner Weise. Ein wahrer Proteststurm erhob
sich und bereits nach einem halben Jahr, im Januar
1785 musste Kaiser Joseph II. die ungeliebte und
heiß umstrittene Maßnahme wieder zurücknehmen.

Rettungswecker für Scheintote
Weit
verbreitet war im Vorigen Jahrhundert die Angst
der Menschen, scheintot, also lebendig, begraben
zu werden. Johann Nepomuk Peter, er war Verwalter
des niederösterreichischen Provinzialstrafhauses,
stiftete im Jahre 1828 den dargestellten Rettungswecker
für den "Leichenhof des Ortes Währing", den alten
Währinger Ortsfriedhof. Die Verstorbenen wurden
in der als Leichenkammer dienenden Friedhofskapelle
aufgebahrt. Eine an ihrem Handgelenk befestigte
Schnur führte in einer unterirdischen Leitung
aus Tonröhren bis in die Unterkunft des Totengräbers
zu dem dort installierten Weckapparat.
Falls nun ein in der Kapelle
aufgebahrter Scheintoter zu neuem Leben erwachen
sollte und durch seine Bewegungen an der Schnur
zog, die ihn mit dem Rettungswecker verband, ertönte
sogleich ein lautes Klingelgeräusch, welches den
zur Anwesenheit verpflichteten Totengräber alarmierte.
In der Folge wurden nach dem
Muster des in Währing verwendeten Weckapparates
eine Serie von ähnlichen Vorrichtungen für eine
ganze Reihe von Wiener Friedhöfen geschaffen.
In späterer Zeit wurden auf den großen Wiener
Friedhöfen auch elektrische Weckvorrichtungen
installiert. An Berichten über erwachte Scheintote,
die auf Grund eines Rettungsweckers gerettet wurden,
mangelt es jedoch. Daher muss
man die Anbringung dieser Weckgeräte eher als
vorbeugende Maßnahme, den Menschen die Angst vor
dem Scheintot zu nehmen, beurteilen.

Straßenbahnwagon für Totentransporte
Als
im Laufe des Ersten Weltkrieges der Pferdebestand
in Wien durch Futtermangel und Militärrequisiten,
immer stärker gelichtet wurde, begann die Werkstatt
der städtischen Straßenbahn im Auftrag und auf
Rechnung des Unternehmens Gemeinde Wien - Städtische
Leichenbestattung einen Personenbeiwagen zum Zwecke
des Totentransportes umzugestalten. Wagenkasten
und Unterbau blieben erhalten, die Stirnfronten
wurden durch Holzwände ersetzt und seitlich zwölf
kleine Türen zu ebensovielen Sargfächern eingebaut.
Das Fahrzeug wurde schwarz lackiert
und mit je einem weißen Kreuz an den Stirnwänden
versehen. Am 28. Februar 1918 wurde der Leichenwagon
in Dienst gestellt und im Straßenbahn Betriebsbahnhof
Simmering stationiert. Der von einem Triebwagen
gezogene Wagon fuhr tagsüber zu mehreren großen
Wiener Krankenanstalten, die eingeladenen Särge
wurden sodann auf den Wiener Zentralfriedhof überführt.
Bis zu seiner Ausmusterung im
Jahre 1928 transportierte der "Wiener Leichentramway"
mehr 32.000 Verstorbene.
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